Im Lauf der Zeit haben sich jede Menge Diagnoseberichte von “Problempferden” angesammelt, diese hier zu veröffentlichen würde ins Endlose gehen. Oft handelt es sich um “Probleme” aufgrund von Missverständnissen zwischen Pferd und Mensch. Doch unterscheide man auch die “Problemfälle”, die für den Pferdebesitzer mehr als anspruchsvoll sind.
Alte Reitmeister schon schrieben Bücher, wie z.B. Alois Podhajsky - Meine Lehrmeister die Pferde. Aus diesen Büchern sollen die Leser und Pferdebesitzer lernen, an verschiedenen Pferden Ihre Erfahrungen zu sammeln und ihr Wissen zu erweitern, Probleme entstehen durch Ausbildungsdefizite von Reiter und Pferd. Ein Reiter lernt sein Leben lang nie aus - gerade dies ist das schöne am Reiten und dem Umgang mit dem Wesen Pferd.
Wenn die Verzweiflung groß, es schon fast zu spät ist und die Stunde der Entscheidung naht, das “eigentliche Traumpferd”, “Freund” und “edle Schönheit” zu verlieren, ist der Mensch erst bereit, sich Gedanken zu machen, zuzuhören, begreifen zu wollen und fern dem Gesellschaftsgeschehen einen anderen Weg zu gehen, auch wenn dieser zu oft noch belächelt wird.
Vor einiger Zeit, hatte ich einen “Problemfall”, wie aus dem Bilderbuch. Ich bat die Pferdebesitzerin über dieses Pferd “Tagebuch zu führen”. Stimmi - Isländer - geb.1994, so naturlich in all seinen Verhaltensformen - seine Besitzerin ( trotz viel Pferdeerfahrung ) viel zu menschlich........
Eine kleine Geschichte, aus dem Tagebuch der Beiden, die Pferdebesitzer mit “Problemen” ermutigen soll, nicht aufzugeben. Und an dieser Stelle “Danke” für die netten Worte, Nina!

“Stimmi de Ny”
Kein Vertrag mit dem Menschen
Schon von Kindheit an hatte ich eine besondere Leidenschaft für die kleinen Pferdchen aus dem hohen Norden. Irgendwann einmal wollte ich mir selbst diesen Wunsch erfüllen, einen Isi zu besitzen. Doch es geschah schneller, als ich glaubte. Freunde wussten von meinem Wunsch und erzählten mir im Dez. 2002 von einem Isländer, ein sogenanntes “Problempferd”, (sehr scheu, lässt sich nicht anfassen ) den ich mir unbedingt ansehen sollte. Am Samstag, den 4. Jan. 2003 fuhr ich in Begleitung meiner Freunde durch tiefstes Schneegestöber auf einen Islandpferdehof Nahe Kassel. Dort sah ich Stimmi zum ersten Mal. Sein wilder Ausdruck, seine blitzenden Augen, seine kraftvollen Bewegungen, all das faszinierte mich von Anfang an. Das war er! Mein Traumpferd! Ein Isländer wie aus dem Bilderbuch. Hals über Kopf hatte ich mich in dieses Pony verliebt. Das es sich hierbei um ein verwildertes Hauspony handelte, war für mich zweitrangig. Stimmi de Ny wurde vor 10 Jahren auf dem Landgut Ny in Belgien geboren. Dort wuchs er in seiner natürlichen Umgebung auf und lebte sieben Jahre lang völlig frei und ohne näheren Kontakt zum Menschen. Im Jahre 2001 bekam sein Leben eine drastische Änderung. Er wurde nach Deutschland importiert, das bedeutete das Ende seiner Freiheit. Die erste Begegnung mit den Menschen stand Gerüchten zufolge unter einem denkbar schlechten Stern. Stimmi, der immer im Schutz seiner Herde gelaufen war, den Menschen vielleicht einmal aus der Ferne gesehen hatte und eigentlich sanft auf diese entscheidende Begegnung vorbereitet hätte werden müssen, wurde regelrecht mit der Zivilisation überfallen. Mehrmals wechselte er den Besitzer, jeder wurde den Ansprüchen, die dieser wilde Isländer an seine Menschen stellte nicht gerecht. So lernte ich ihn kennen. Verwildert, scheu und misstrauisch. Er hatte den Menschen kennengelernt. An das Gute glaubte er nicht mehr. Ich kaufte ihn ohne Rückgabe- oder Umtauschrecht. Drei Tage später wurde er gebracht. Er kam auf die Winterweide mit Offenstall meiner Freunde, die auch im Besitz zweier Ponys waren. Seit Stimmi´s Ankunft am 7. Januar 2003, verbrachte ich die nächsten 10 Tage im Schneeoverall in einem Heu und Strohbett hineingekuschelt oft bis zu 11 Std. täglich auf der Koppel, ließ mich einschneien und beobachtete ihn, um ihn kennen zulernen. Doch nie näherte er sich mir mehr als das ich ihn hätte berühren können, dann suchte er wieder das Weite. Ich versuchte es mit Futter, ich lockte und setzte meine ganze Erfahrung ein, die ich bisher mit Pferden gemacht hatte. Doch es half alles nichts. ich kam nicht weiter. Was ich jetzt brauchte war fachkompetente Hilfe. Verzweifelt setzte ich mich an meinen Computer und suchte im Internet nach Hilfe, telefonierte umher. Leider gab man mir mitleidige Ratschläge, die sogar bis dahin gingen, mein Pferd zum Schlachter zu geben und mir ein anderes zu kaufen, da dort nichts mehr zu machen sei, woanders lehnte man grob ab. Meine Verzweiflung wuchs. Ich suchte weiter im Internet, diesmal einfach unter Problempferde. Dabei stieß ich auf die Homepage von Django Thümer - Horse Connection. Mit dem Mut der Verzweiflung rief ich an, ich weiß es noch genau es war der 29. Januar 2003 um 23 Uhr. Mit großem Interesse und viel Einfühlungsvermögen hörte er mir geduldig trotz der späten Tageszeit zu, es war das erste Mal, daß ich mir meine Probleme mit meinem Isländer von der Seele reden konnte und mich verstanden fühlte. Zu meiner grenzenlosen Überraschung und Erleichterung erklärte mir Herr Thümer, daß er sich dieses Pferd ansehen müsste, um sich ein richtiges Bild von ihm machen zu können. Der Weg von Regensburg nach Kassel war ihm nicht zu weit. Er klärte mich auf, daß er auch Kundschaft in Südfrankreich hätte, da wäre Hessen ja ein Katzensprung! Dann am 02. Februar 2003 kam er tatsächlich zu mir. Ich glaubte es erst, als sein Auto vor die Koppel fuhr. Vor Freude heulte ich fast. Er war meine letzte Hoffnung, mit Stimmi Kontakt zu bekommen und ihn verstehen zu lernen. Später erzählte mir Herr Thümer, daß sein erster Besuch bei Stimmi die Begegnung mit einem Wildpferd war, das mit dem Menschen nichts mehr zu tun haben wollte. Auf all seine Übungen, die das Herdenverhalten betraf, reagierte er jedoch absolut gesund, wie mir Herr Thümer versicherte. Das beruhigte mich ungemein, tippten doch einige Ausbilder auf einen Schaden im Kopf meines Ponys. Nach drei Stunden einfühlsamer Arbeit, bei der Herr Thümer sichtlich alles um sich herum vergaß, ließ sich mein Stimmi das erste Mal ans Seil nehmen. Vor dem Anfassen zuckte er noch zurück, aber der Anfang war getan und wir ließen ihn erst einmal in Ruhe. Erst am Abend fuhr Herr Thümer nach Hause, nicht ohne einen neuen Termin mit mir vereinbart zu haben. Er hinterließ eine Rauchwolke über meinem Kopf, der voll mit neuem Wissen war. Drei Wochen später wollte er wieder kommen. Allerdings mußte ich Stimmi in einem anderen Reitstall mit Roundpen unterbringen. Mein Glück blieb mir hold, ich fand einen Reitstall, der bereit war mich zu unterstützen, einen halbwilden Isländer aufzunehmen. Eine Woche später schon zog er um nach Gut Fehrenberg, bei Kassel, in einen Paddock. Dort hatte er einen guten Überblick, Pferde in der Nachbarschaft und konnte ungestört die Menschen beobachten, wie sie mit ihren Pferden umgingen. Als Django Thümer, wie versprochen, wieder kam, diesmal für drei Tage, war ich gespannt, wie Stimmi wohl reagieren würde. Diesmal im Roundpen hatte Herr Thümer ganz andere Möglichkeiten mit meinem Pony zu arbeiten. Wie ein Wirbelwind sauste der Isländer los, als der Fachspezialist für Problempferde die Bahn betrat. Dabei war er aber auf keinen Fall kopflos, sondern beobachtete alle Bewegungen von Herrn Thümer genau. Dies war ein großer Vorteil, bekam ich erklärt, denn mit der Aufmerksamkeit fängt jede Arbeit mit dem Pferd an. Am zweiten Tag schon begann Stimmi sich mit Django Thümer mitzudrehen, zollte ihm seine vollste Aufmerksamkeit. Nur berühren war noch nicht drin. Der dritte Tag war der Tag der Entscheidung! Konnte Herr Thümer jetzt eine Grundlage schaffen, um Stimmi in die Welt der Menschen zu integrieren? Auch war sein altes Stallhalfter zerschlissen und zu eng geworden. es mußte also ein neues her. Django Thümer wählte dazu ein Knotenhalfter, da es sehr leicht ist und, da es aus einem Stück gefertigt wurde, auch sehr stabil sei, was gerade bei Stimmi sicherlich nicht von Nachteil wäre. Und tatsächlich nach einigem Hin und Her ließ sich mein Isländer tatsächlich das Halfter wechseln. Er blieb zwar sprungbereit, ließ es aber geschehen. Ich war glücklich. war dies der Weg? Konnte Herrn Thümer es gelingen, uns zusammen zu bringen? Ich wollte ganz fest daran glauben. dann war ich wieder allein. Alte Fehler schlichen sich ein. Ich kam wieder nicht weiter. Doch Herr Thümer ließ mich nicht im Stich. Egal zu welcher Uhrzeit, auch mitten in der Nacht, wenn ich nicht mehr weiter wußte, konnte ich ihn anrufen und er hörte mir geduldig zu. Dann klappte es die nächsten Tage wieder wunderbar. Bald erkannte ich jedoch, daß ich so nie auf Dauer Erfolg haben würde. Herr Thümer war so weit weg. Ich saß hier in Hessen und der Wunsch stieg in mir auf nach Bayern zu ziehen. Alles abzubrechen für Stimmi, meine Heimat, meinen Job. Ich mußte nicht in Kassel leben, ich konnte überall Fuß fassen, aber mein Pony brauchte Django Thümer mehr denn je. Wieder einmal raffte ich allen Mut zusammen und erläuterte Herrn Thümer meine Pläne. Zu meiner grenzenlosen Freude hatte er so etwas in der Art sogar schon erwartet und hätte nichts dagegen, wenn Stimmi nach Regensburg ziehen würde. Ich könnte ihn vielleicht sogar in seiner Arbeit unterstützen, erklärte er mir. Ich war seelig. Mit Pferden arbeiten, einen Fachspezialisten an meiner Seite, der mir die Psyche dieser edlen Vierbeiner näher brachte, das war mehr als ich mir je erträumt hatte. Und Stimmi. Immer mehr taute er auf. Er freundete sich mit einer 37-jährigen Connemara-Stute und einem Haffi-Mix an. Er durfte frei auf dem eingezäunten Hof herumlaufen und konnte in Begleitung seiner Pferdefreunde immer neue Erfahrungen sammeln. Sorgfältig wurde darauf geachtet, daß diese immer von positiver Natur waren. Zwischendurch arbeitete Herr Thümer mit ihm, völlig zwanglos oder er gab mir nur Tipps, die ich sehr gut umsetzen konnte. Dann eines Tages ließ er sich anfassen, sogar einen Huf konnte ich heben! Von da an ging es stetig bergauf. Heute fast genau ein Jahr später, läßt sich Stimmi auftrensen und satteln, seine Hufe schneiden Django Thümer oder ich ihm aus. Allen Unkereien zum Trotz ist aus dem scheuen, verwilderten Isländer ein freches Kerlchen geworden mit allerlei Unsinn im Kopf, bei mir schon recht fordernd, bei Fremden noch vorsichtig. Und wenn ich täglich erlebe, wie die Fortschritte immer größer werden, er immer sicherer wird, so bin ich überzeugt davon, daß wir in gar nicht mehr so langer Zeit gemeinsam die Natur durchstreifen..... Zum Abschluss möchte ich noch einmal betonen, daß ich dies ohne Django Thümer´s Hilfe nie erreicht hätte. Ich begleite ihn bei seiner fastzinierenden Arbeit und muß feststellen, daß ich schon viel gesehen habe, aber niemanden kenne, so theatralisches auch klingen mag, der bereit ist, auf einem Pferd zu sterben, nur um es wieder in die Gemeinschaft der Menschen zu integrieren, damit ihnen ein pferdegerechteres Leben geboten werden kann. - Nina Bischoff - 2004
Foto: Matthias Müller
Fallbeispiel
Pferden helfen heißt: dem Pferd die Möglichkeit zu geben, uns zu verstehen!

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